Neubau Jugendhaus

Ein Jugendhaus für Balingen – Planen im Dialog

Rund 100 Jugendliche haben am Freitag, 4. Mai die drei zur Wahl stehenden Entwürfe für das Jugendhaus bewertet. Die Architekten nutzten die Gelegenheit, für ihre Arbeiten zu werben. Die Auswertung der Fragebögen steht zwar noch aus, aber eines ist bereits klar: Alle drei kommen bei den Jugendlichen gut an. Die Stadt Balingen geht mit diesem beispielhaften Partizipationsprojekt neue Wege in der Jugendbeteiligung.

Collage aus den 3 finalen Entwürfe Jugendhaus

Jugendliche bewerten drei Entwürfe

Die zur Wahl stehenden Entwürfe von härtner ito architekten/Atelier Härtner (2,429 MB), berger röcker gork architekten (2,139 MB) sowie Reichert.Schulze Architekten (8,319 MB) sind die Resultate eines mehrstufigen online-Beteiligungsverfahrens. In zwei Runden haben mehr als einhundert Jugendliche per WhatsApp-Chat die drei Arbeiten kommentiert und Verbesserungsvorschläge eingebracht. Die Architekten entwickelten ihre Arbeiten nach diesem Feedback weiter.

Nach der ersten online-Beteiligungs-Woche Anfang März setzte sich das Komitee am 12. März unter der Moderation von Erik Flügge zusammen, um den drei Architektenteams im direkten Dialog das erste Feedback der Jugendlichen(1,088 MB) sowie die Belange des Kinder- und Jugendbüros, des Baudezernats sowie der Fraktionsvertreter zu übermitteln. Die Planer haben daraufhin ihre Entwürfe weiterentwickelt und gemäß den Anregungen überarbeitet.

Anfang April wurden die überarbeiten Entwürfe erneut eine Woche lang online diskutiert. Dabei zeigten sich die Jugendlichen begeistert davon, dass ihre Anregungen ernsthaft und konsequent umgesetzt wurden. In über 400 interessierten und qualifizierten WhatsApp-Beiträgen wurden die weiterentwickelten Entwürfe abermals bewertet, kritisiert und mit Verbesserungsvorschlägen bedacht. Wie bereits ein Monat zuvor wurde am 9. April das zweite Feedback der Jugendlichen (2,698 MB) den Planern im persönlichen Gespräch mitgegeben.

In der Abschlussveranstaltung am 4. Mai in der Mensa Längenfeld haben die drei Architektenteams ihre finalen Lösungsvorschläge vor einem Publikum aus Jugendlichen und Gemeinderäten präsentiert und erläutert. Rund 100 Jugendliche nutzten die Chance, ihre Bewertung zu den Arbeiten per Fragebogen anonym abzugeben. Das Team um Erik Flügge wertet derzeit diese Fragebögen unter Berücksichtigung von Alter, Geschlecht und Schulart der Jugendlichen aus. Auf dieser Grundlage trifft das Komitee im Juni die finale Entscheidung über den favorisierten Entwurf. Die formale Beschlussfassung des Gemeinderats wird planmäßig in der Juli-Sitzung erfolgen.


Neun Ideenskizzen wurden eingereicht

Über einen offenen europaweiten Teilnahmewettbewerb zum Neubau des Balinger Jugendhauses hatten sich insgesamt 18 Architekturbüros beworben. Zehn Bewerber wurden aufgrund streng formaler Eignungskriterien für das weitere Verfahren zugelassen.

Die Aufgabenstellung zum Jugendhausneubau wurde am 5. Februar an die Architekten ausgegeben. Darin waren die Bedürfnisse und Belange aller Beteiligten eingeflossen, insbesondere jedoch die Wünsche und Anregungen (5,39 MB) von rund 600 Schülern: Das Gebäude soll zukunftsfähig entwickelbar, breit bespielbar und vor allem auch von außen als Jugendhaus deutlich erkennbar sein. Durch mehrfach genutzte Räume sollen Flächen gespart und das Kostenbudget von rund 2 Mio. Euro gehalten werden.

Die Planer hatten knapp drei Wochen Zeit, erste Ideenskizzen zu fertigen. Neun von zehn zugelassene Büros haben am 27. Februar ihre Arbeiten eingereicht. Trotz des knappen Zeitraums haben die Planer gut durchdachte Beiträge von erstaunlicher Bearbeitungstiefe eingereicht. Ein Komitee aus Jugendlichen, Gemeinderäten, Mitarbeitern aus dem Baudezernat und dem Amt für Familie, Bildung und Vereine stand am 2. März vor der schwierigen Aufgabe, aus neun eingereichten Entwürfen die besten drei auszuwählen, um diese im weiteren Verfahren per WhatsApp-Broadcast mit rund 300 Jugendlichen zu diskutieren.

Alle Arbeiten wurden im Vorfeld von den Architekten und Architektinnen des Baudezernats auf Herz und Nieren geprüft und schließlich dem Komitee fachkundig vorgestellt und erläutert. Das Team des Kinder-und Jugendbüros kommentierte jeden Entwurf aus Nutzersicht hinsichtlich Raumorganisation und Funktionalität. Die Beteiligten diskutierten lebendig und konstruktiv und fanden nach mehreren Stunden einstimmig zu der Auswahl der drei Favoriten. Die Atmosphäre war geprägt von einem gleichwürdigen Austausch und gegenseitigem Erkenntnisgewinn. Die Jugendlichen (David Grebenkov, Annika Habfast, Maik Jazeschen, Elvira Seib, Sandy Tress) vertraten Ihre Ansichten souverän und leidenschaftlich. In der Beurteilung der meisten Entwürfe gingen die Ansichten der Fachleute und Jugendlichen konform. In einigen Fällen wurde hingegen regelrecht um die richtige Entscheidung gerungen.


Wie gewinnt man hunderte Jugendliche für einen Beteiligungsprozess?

Der erste Kontakt zwischen Erik Flügge und den Jugendlichen hat in der realen Welt stattgefunden: In der sogenannten „Offline-Aktivierung“ vom 13. bis zum 17. November 2017 besuchte Herr Flügge mit seinem Team 25 Schulklassen unterschiedlicher Balinger Schulen und hielt die Wünsche der befragten Schüler mittels sogenannter „Graphic Recordings“ (12,905 MB) bildlich fest. Die Jugendlichen wurden direkt zu Ihren Wünschen und Anregungen hinsichtlich Lage, Konzeption und Ausgestaltung eines Jugendhauses befragt. Der ideale Standort sollte demnach folgende Kriterien erfüllen:

  • Nähe zu einem Supermarkt
  • Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln, Nähe zu Bahnhof bzw. Bushaltestelle
  • Ausreichend Abstand zu Anwohnern, um die Problematik der Ruhestörungen zu vermeiden
  • Weitläufige, öffentlich nutzbare Freianlagen
  • Innenstadt-Nähe

Ein maßgeschneidertes Beteiligungsverfahren

Inspiriert vom Planungsprozess für das neue Jugendhaus in Biberach – ein herausragendes und von der Initiative„jugend.beteiligen.jetzt“ publiziertes Beispiel erfolgreicher Jugendpartizipation – hat die eine ämterübergreifende Projektgruppe der Stadtverwaltung Balingen den Kommunikationsprofi Erik Flügge, Geschäftsführer der S&N Kommunalberatung aus Köln, mit der Moderation der Jugendbeteiligung ins Boot geholt.

Die Architektenleistung für die Planung eines Jugendhauses ist aufgrund von Vergaberechtsbestimmungen europaweit auszuschreiben (sog. VgV-Verfahren). Die Verknüpfung eines streng formalisierten Vergabeverfahrens mit einer möglichst transparenten und breit angelegten Jugendbeteiligung im Entwurfsprozess ist eine besondere Herausforderung. Zur rechtssicheren Durchführung dieses Verfahrens wurde das Büro Klotz und Partner GmbH aus Stuttgart hinzugezogen.


Das ideale Baugrundstück

Der Gemeinderat hat am 19. Dezember 2017 den Standort für das künftige Jugendhaus beschlossen: Das Grundstück in der Hindenburgstraße erfüllt die Kriterien sehr gut. Es befindet sich gleichermaßen innenstadtnah und doch ausreichend randständig, um Konflikte mit Anwohnern wegen eventueller Lärmproblematik – wie sie am bestehenden Standort vorherrschen – zu vermeiden.

Durch den Neubau des Jugendhauses und die Entwicklung attraktiver Freianlagen wird die derzeit eher unwirtliche Grünanlage an der Eyach zu einem belebten Ort mit hoher Aufenthaltsqualität. Der im Rahmen der Gartenschaugeplante Aktivpark in den Eyachanlagen ist als Daueranlage nachhaltig ein Ort für Spiel und Freizeit und bietet im Zusammenspiel mit dem Jugendhaus große Chancen, wie sie an keinem anderen Standort in der Innenstadt in dieser Art vorhanden sind.

Mit der Gartenschau wird die Karlstraße als hochwertige fußläufige Verbindung von ZOB und Bahnhof mit dem geplanten neuen Vorplatz bis zu den Freianlagen an der Eyach aufgewertet. Die Anbindung von Jugendhaus zu öffentlichem Nahverkehr ist ideal. In unmittelbarer Nähe befinden sich ein Biosupermarkt an der Bahnhofstraße sowie ein Discounter direkt an der Karlstraße.

Bereits bei einem im Dezember 2016 durchgeführten Jugendworkshop im Rahmen der Bürgerbeteiligung zur Gartenschau 2023 wurde der Wunsch nach einem zentral gelegenen, modernen Jugendhaus im Aktivpark geäußert.


Förderprogramm „Soziale Integration im Quartier“

Durch die Aufnahme in den Investitionspakt „Soziale Integration im Quartier“(SIQ) von Bund und Land mit einem Bewilligungsvolumen von insgesamt rund 30 Mio. Euro erhält die Stadt Balingen für einen Jugendhausneubau im Bereich des künftigen Aktivparks in den Eyachanlagen einen Förderzuschuss von 526.000,- Euro. Im Sinne der Fördervoraussetzungen soll ein integratives Gesamtkonzept für Jugendliche geschaffen werden. Das neue Jugendhaus soll Treffpunkt der jungen Generation Balingens und deren Umgebung werden. Jugendliche sowohl aus Balingen als auch den umliegenden Gemeinden im Umkreis von 20 km verbringen ihre Schul- und Freizeit in Balingen. Deshalb kommt der Stadt bei der aktiven Jugendarbeit eine zentrale Bedeutung zu.

Voraussetzung für eine Förderung des Jugendhausneubaus ist die Lage einem Gebiet der städtebaulichen Erneuerung. Der Gemeinderat leitete deshalb am 13. September 2017 die vorbereitenden Untersuchungen zur Ausweitung des Sanierungsgebietes um den geplanten Jugendhausstandort ein.


Jugendbeteiligung gesetzlich verankert

Bürgerbeteiligung bei öffentlichen Bauaufgaben bietet große Chancen hinsichtlich Konsens, Akzeptanz und Identifikation der Nutzer mit dem Projekt. Dies wiederum führt zu rechtssicherer Planung und zügiger Durchführbarkeit größerer Projekte. Beteiligungsverfahren dienen zur Erhebung der Bedürfnisse der Nutzergruppen, der ganzheitlichen Betrachtung von Bauaufgaben und schließlich der Konkretisierung der Entwurfsaufgabe für den Planer. Positive Erfahrungen mit Beteiligungsformen fördern insbesondere die Mitwirkungsbereitschaft an demokratischen Prozessen.

Die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen ist – ausgehend von UN-Kinderrechtskonvention und Grundgesetz – in der Baden-Württembergischen Gemeindeordnung gesetzlich verankert. Bei der Wahl des Beteiligungsverfahrens sind die geeigneten Kommunikationsformen speziell auf diese Interessensgruppe abzustellen, so dass erfolgreiche Partizipation überhaupt gelingen kann.


Verfahrensablauf und Zeitplan

Nach Abschluss des Beteiligungsverfahrens kann in die weitere Objektplanung eingestiegen werden. Die bauliche Umsetzung soll planmäßig ab Frühjahr 2019 erfolgen. Eine Inbetriebnahme des neuen Jugendhauses ist bei optimalem Verlauf Anfang 2021 möglich. Die Freianlagen werden allerdings erst im Zusammenhang mit den Arbeiten zur Gartenschau hergestellt.


Weitere Infos

Finaler Entwurf 1 härtner ito architekten/Atelier Härtner (2,429 MB)

Finaler Entwurf 2 berger röcker gork architekten (2,139 MB)

Finaler Entwurf 3 Reichert.Schulze Architekten (8,319 MB)


Feedback der Jugendlichen aus der 2. WhatsApp-Woche (2,698 MB)

Überarbeitung Entwurf 1 härtner ito architekten/Atelier Härtner (6,084 MB)

Überarbeitung Entwurf 2 berger röcker gork architekten (1,234 MB)

Überarbeitung Entwurf 3 Reichert.Schulze Architekten (5,574 MB)


Feedback der Jugendlichen aus der 1. WhatsApp-Woche (1,088 MB)

Entwurf 1 härtner ito architekten/Atelier Härtner (3,253 MB)

Entwurf 2 berger röcker gork architekten (3,857 MB)

Entwurf 3 Reichert.Schulze Architekten (2,241 MB)

 
Ergebnisbericht Jugendbeteiligung (5,39 MB)

Graphic Recordings (12,905 MB)

Ausgeschiedene Entwürfe (17,163 MB)